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Rumänien im Sommer 2007
Begonnen hat das Abenteuer Rumänien mit meiner Bewerbung im Frühling als Tour- Guide für Motorradtouren. 14 Tage vor der Abreise erhielt ich einen Anruf von Bruno. Er führe eine Tour nach Rumänien durch und das wäre doch eine Gelegenheit um Tour Luft zu schnuppern. Nach einer kurzen Absprache mit meiner Frau und meinem Geschäftspartner sagte ich zu.


Anreise nach Graz (~830km)
Am Donnerstag 02.08.2007 geht das Abenteuer Rumänien um 07.15 Uhr los. Abfahrt in Biglen nach Weesen wo ich Tour-Guide Bruno von motour treffe.



Grösstenteils über die Autobahn fahren wir nach Graz. Zur Auflockerung fahren wir über den Arlbergpass. Um die langweilige Autobahn-Strecke über Salzburg zu vermeiden verlassen wir in Wörgel die Autobahn. Die Fahrt geht über den Pass-Thurn via Zell am See nach Liezen wo wir wieder die Autobahn bis nach Graz nehmen. In Zell am See mussten wir uns noch eine halbe Stunde unterstellen da ein grosse Gewitter mit Hagelschauer über uns hinweg zog.


Tag 1 Graz-Minis (~610km)
In Graz trafen wir die Tourteilnehmer. Ein Paar aus dem Aargau und ein Paar aus Karlsruhe. Nach einer kurzen Vorstellung der Teilnehmer untereinander und einer Orientierung über den Ablauf der Tour ging es dann los.

Der erste Tag führte uns durch das flache Ungarn. Für einen Emmentaler der von einem Hügel zum anderen sieht, eine ungewohnte Landschaft.



Da Ungarn uns nur als Transitland diente, fuhren wir vor allem auf den Hauptstrassen um zügig voranzukommen. Dabei eigneten wir uns den Osteuropäischen Fahrstiel bereits etwas an. Vor allem die häufigen Stockungen vor Kreiseln und Ampeln wurden konsequent rechts umfahren. Dabei blieb das bei uns übliche Hupkonzert von beleidigten Autofahrern aus. Überhaupt war es auf den Strassen überwiegend ein miteinander im gemeinsamen Chaos.

Nach der Ankunft im Stielvollen Landhaus wurden wir mit einer grosszügigen Mahlzeit verwöhnt. In der Nacht mussten wir uns dann an dass in Rumänien allgegenwärtige Hundegebell gewöhnen. Ebenso typisch ist der morgendliche Weckruf des Hahns.



Tag 2 Minis-Sighisoara (~340km)
Nach dem reichhaltigen Frühstück wurde gepackt und die Motorräder beladen. Danach die erste Panne. Der Anlasser von Stephans BWM versagte den Dienst. Mit Brunos Allzweckseil wurde dann die Maschine über den ganzen Tag angeschleppt.

„Am Tag als der Regen kam“ umschreibt es am besten. Den ganzen Tag hindurch Regen ohne Ende. Mal stärker mal schwächer. Dennoch bekamen wir einen ersten Eindruck von Rumänien.



Wir lernten zum Beispiel die diversen Strassenbeschaffenheiten kennen. Von neu geteerten Strassen über Strassen mit Belagsschäden und Schlaglöchern in denen man bequem einen Kleinwagen parkieren konnte, bis hin zu Schotterpisten haben wir alles befahren. Ein weitere Höhepunkt sind die Bahnübergange. Bei den Allermeisten ist es ratsam die Geschwindigkeit auf 10kmh zu reduzieren. Da wir unser Tempo den regennassen Strassen anpassten, wurden wir ab und zu von Autos in einem Höllentempo überholt. Einen dieser Kamikaze-Fahrer trafen wir dann einige Kilometer später in einer Kurve wieder. Er telefonierte mit Blutiger Nase und sein Wagen lag auf dem Dach im Strassengraben.

Auch die ersten typischen Rumänischen Dörfer bekam wir zu Gesicht. Die Strasse mitten hindurch, links und rechts einen Abwassergraben. Danach ein mehr oder weniger grosses Stück Land und anschliessend die „Wohnhäuser“. Der Eindruck der einfachen Art ist nicht zu beschreiben. Man hat das Gefühl das hier die Zeit seit Kaiserin Sissi stehengeblieben ist. Hätten die Wagen der Pferdefuhrwerke nicht Räder mit Pneus und sähe man am Strassenrand die Masten der Elektrizitätsversorgung nicht, müsste man glauben der Traum der Zeitreise sei wahr geworden.



Tag 3 Sighisoara-Brasov (~130km)
Da wir die Zimmer erst um 12.00 Uhr räumen mussten, machten wir nach dem Frühstück einen Spaziergang in der Stadt. In den grösseren Städten ist man sich der Bedeutung des Tourismus bewusst geworden. Man ist daran, das während der Diktatur Versäumte aufzuholen. Kanalisationen werden gebaut, Strassen und Häuser saniert. Es ist nur zu Hoffen das der Charakter der Städte und Dörfer erhalten bleibt.



Am Nachmittag dann ein Sonntagsfährtchen nach Brasov. Unterwegs besichtigten wir noch eine Burgruine.



Da der Motorradfahrer an sich ja möglichst bis ans Ziel fährt, wollten wir den Feldweg bis zur Burg hinauf fahren. Der feuchte Bodenbelag machte dem Unterfangen dann ein Ende, da ein Z6 mit gefülltem Profil nicht mehr fahrtauglich ist.



Die Pension für diese Nacht lag etwas oberhalb des Stadtkerns. Deshalb liessen wir uns am Abend mit einem Taxi in die Altstadt chauffieren. Auch hier wieder eine aufgeräumte Flanierzone mit einem schönen Platz im Zentrum.


Tag 4 Brasov-Petrosani/Rusu Cabana (~330km)
Am Morgen besorgte sich Stephan in Brasov noch eine neue Batterie. Wegen Mangel an Lagermaterial, wurde diese kurzerhand aus einem Ausstellung Motorrad entfernt. Ab da startete die BMW vorerst wieder selber.

Dann ging es ab in die Berge. Über herrliche kurvenreiche Strecken erreichten wir Höhen bis 1600m. Nach dem Mittagshalt wollten wir über eine kleine Nebenstrasse abseits der Hauptstrasse weiterfahren. Auf die Zusicherung eines Einheimischen das die Strasse 7km Schotterpiste und der Rest geteert sei fuhren wir weiter. Es wurden dann etwa 30km Enduro-Strecke vom feinsten. Krönung war ein Passübergang auf etwa 1200m der die Bezeichnung „Bachbett“ verdient hätte.



Eine weitere Eigenheit des Landes sind die tierischen Verkehrsteilnehmer. Nichts ist unmöglich. Pferde mit und ohne Wagen, Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Gänse, Hühner und Hunde. Hier einige Beispiele: Auf einer Brücke lag auf unsere Fahrbahnseite ein Rind und hält seine Siesta. Am rechten Strassenrand trottete ein Pferd gemütlich vor sich hin. Auf einer Hauptstrasse Ausserorts quert plötzlich eine ganze Kuhherde. Gänse bevölkern die Dorfstrassen und verlassen diese nur unter grossem Protest.



Nach dieser Rüttelpiste versagte nun auch der Anlasser wieder seinen Dienst. Aber wir hatten das Anschleppen schon perfektioniert.

Als Belohnung für die Strapazen (es hat aber tierisch Spass gemacht) folgte eine Kurvenreiche Strecke durch ein Waldgebiet.

Leider ist das Thema Abfall in Rumänien noch nicht gelöst. An den schönsten Plätzen in freier Natur finden sich riesige Abfallberge und trüben den Reiz der wunderbaren Gegend.

Das Hotel lag auf 1600m und gehört zu einem Skigebiet mit 1 Lift. Durch einen Saunagang, ein Bad im Whirlpool und ein feines Nachtessen wurde der Tag abgerundet.


Tag 5 Petrosani-Borlova (~170km)
Da sich Stephan am nächsten Tag nicht so wohl fühlte (Magenprobleme), beschlossen wir auf direktem Weg unsere nächste Unterkunft für 2 Tage anzufahren.

Nach der Ankunft in Borlova zerlegten wir in der „Feldwerkstatt“ des Pensionsbesitzers den Anlasser.



Dabei fanden wir einen zerbröselten Dauermagnet im Inneren. Stephan bestellte sich einen neuen Anlasser durch den ADAC nach Graz. Was sich später als überflüssig herausstellte.

Um doch noch ein paar km unter die Räder zu kriegen fuhren wir auf den Muntele Mic (1802m). die ersten 15km wieder über eine furchtbare Schotterpiste. Was aber dann kam übertrifft alles. Plötzlich eine frisch geteerte Piste mit Spitzkehren bei denen man das Grinsen nicht mehr wegbringt. 15km auf den Berg hinauf in ein zukünftiges Skigebiet. Aber damit noch nicht genug. Zum Gipfelkreuz hinauf eine 2m breite geteerte Strasse mit grosszügigem Parkplatz. Da kann man nur sagen: „Bikers wellcome“.





Eine kleine Geschichte am Rande. Die Pension ist ein Haus im Dorf das Zimmer anbietet. Bruno kennt diesen Ort und die Familie schon seit geraumer Zeit. Beim Nachtessen wurde durch den Hausherren ein Schnaps gereicht. Da „Prost“ auf Rumänisch Depp bedeutet, wurde auf rumänisch mit „Noroc“ angestossen. Danach setzte der Hausherr sein breitestes Grinsen auf und rief laut in die Runde „Prost“.


Tag 6 Donaurundfahrt (~400km)
Heute ging es ohne Seitenkoffer auf  die Reise. Auf dem ersten Teil wieder Kurven bis zum abwinken. Dazu ein Strassenbelag der doch auch etwas Schräglage zuliess. In Resita bestaunten wir das Dampflok Museum im Freien.



Leider sieht man auch die verfallen Wohnsilos die noch bewohnt werden und verlassen Ruinen von Industrieanlagen. Die besser Zeit die sie mal hatten lässt sich nur noch erahnen. Wer nach Rumänien reist und nicht nur die „Modestädte“ wie Sibiu oder Brasov besucht, muss sich auch ab und zu Gedanken über das hier und jetzt der Leute und der Gesellschaft machen. Bei einigen Anblicken wurde ich ich doch sehr nachdenklich.

In der Nähe von Anina besuchten wir in einem kleinen Weiler einen Freund von Bruno. Bei Ihm erfuhren wir auch etwas über das „real Life“ in Rumänien und bei der herzlichen Umarmung beim Abschied wurde einem doch ganz anders.

Danach ging es der Donau entlang. Mit 75müM erreichten wir den tiefsten Punkt der Tour. Eine wunderbare Landschaft empfing uns. Der ganzen Donau entlang wird die Strasse saniert. Dadurch sind viele Abschnitte noch Schotterpisten und mit Ampelanlagen übersät. Da die Baustellendurchfahrt aber meist zum Kreuzen mit einem Auto reichte (Psst... nicht weitersagen) kamen wir recht flott voran.

Doch die Schotterstrasse forderte ihr Opfer. Der Hinterreifen von Oswald litt plötzlich unter akutem Luftverlust. Also Reifenreparaturset zur Hand und eine Lektion „Loch flicken für den fröhliche Handwerker“ durchgeführt.



Tag 7 Borlova-Balato/Plattensee (~640km)
Am Morgen fuhren Bruno und Oswald vor uns nach Caransebes um den Hinterreifen zu reparieren (In Graz wurde er dann Sicherheitshalber ersetzt). Das Anschleppen von Stephan wurde von mir übernommen. Die Mechaniker in der Garage konnten sich Ihre Augen fast nicht satt sehen an den fünf Motorrädern die da vor Ihrer Garage standen.

Dazu ist zu sagen dass man im Moment als Motorradfahrer ein Exot ist in Rumänien. Die Einwohner auf dem Land haben höchstens einem Florett ähnliches Kleinmotorrad. In den grösseren Städten sieht man vereinzelt auch neuere Motorräder. Motorradreisende sieht man vielleicht alle 200km bis 300km also höchstens einen pro Tag.

Wieder wurde Ungarn nur als Transitland durchfahren. Die BMW von Stephan gab dann aber definitiv den Geist auf (Lichtmaschine). Die Maschine wurde vom ADAC abgeholt und Stephan und Jutta fuhren auf einem Motorrad weiter.

Dadurch verzögerte sich unsere Ankunft am Plattensee und auf den letzten Kilometern kamen wir noch in ein Gewitter das sich gewaschen hat.


Tag 8 Balaton-Graz-Zell am See (~470km)
Bis nach Graz fuhren wir alle gemeinsam. Dort verabschiedeten wir uns von Jutta und Stephan, die den Reisezug nach Feldkirch gebucht hatten. Der Rest fuhr bis nach Zell am See wo wir in einem Hotel unsere letzte Nacht vor der Heimkehr verbrachten.


Heimreise (~550km)
Mit dem Geroldspass und dem Arlbergpass als Auflockerung fuhren wir nach Hause. Am Walensee trennten sich dann auch die Wege der restlichen Gruppe.


Schlusswort
Ich war sicher nicht das letzte mal in Rumänien. Das Land hat so viel Interessantes zu bieten das eine Woche bei weitem nicht reicht um den Hunger nach mehr zu stillen. Allerdings braucht das Reisen in Rumänien Toleranz (vieles entspricht nicht unserem gewohnten) und die Bereitschaft gesehenes zu Hinterfragen. Erst so werden die Eindrücke zu Erfahrungen.